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Ein Blog mit kritischen Texten zum digitalen und polierten Zeitgeist des 21. Jahrhunderts, zum persönlichen Leben im 20. Jahrhundert als Aspekt der privaten Individualität und Denkanregungen dazu, warum auch sogenannte "alte", analoge und imperfekte Dinge ihren Reiz haben. Warnung: das Blog kann blasphemischen Mangel an Respekt für die überlegene "Großartigkeit" der Moderne enthalten. RSS-Feed: http://www.simpleblog.org/rss.php?u=Bruchbach

Quergefasel25.4.2017
Nur ein kurzer Beitrag. Ich bin nicht in der Stimmung für seitenlange Jammerei, und die werten Leser vermutlich auch nicht.

Ich hatte neulich an einem sogenannten modernen Rechner etwas zuviel Zeit, und anstatt dies für produktive Dinge zu verwenden, habe ich mich etwas aufmerksamer im Internet des Jahres 2017 umgesehen. Soll heißen Nachrichtenseiten wie Google News, moderne Webforen und Diskussionen, Artikel und Kommentarspalten. Und das alles hinterläßt wie immer ein Schaudern.

Was ist aus dem Internet geworden? Ist das positive Evolution? Was würde jemand, der z.B. vor 1996 aktiv in der Etablierung von Wissen und Strukturen im Internet beschäftigt war, dazu sagen, wenn er ein heutiges Internet sehen würde? Würde er das alles genial finden und vor den medialen Möglichkeiten und Datenmassen dankbar auf die Knie fallen? Oder würde er die Stirn runzeln ob all der geschniegelten Oberflächen, standardisierten Kanäle, Anpassungen, Vorfilterungen, Postfakten, Likes etc.

Wenn man sich heutige Nachrichtenseiten ansieht, dann entdeckt man z.B. über einem Artikel zu einem komplexen Thema den obskuren Vermerk (oder ist es gar eine Warnung?) "Lesezeit: ca. 2 Minuten". Was soll uns das sagen? Soll hier ein individueller Vorgang wie das Lesen und Aufnehmen von Informationen in ein festes Zeitschema gepresst werden bzw. gleich von Anfang an als kurzlebiges 2-Minuten-Phänomen gewichtet werden? Sollen in einer Vorfilterung gleich all jene gewarnt werden, denen die Vergeudung von immerhin 2 Minuten Lesezeit als archaisches Relikt aus der Steinzeit erscheinen würde? Eine Klickstrecke würde doch noch schneller gehen. Oder besser noch ein Newsvideo in doppelter Abspielgeschwindigkeit - das läßt sich im Gegensatz zur menschlichen Lesegeschwindigkeit immerhin digital regeln.

Im Grunde kann man hier ein Einerseits/Andererseits-Spielchen spielen. Einerseits ist das Internet im Newsbereich und speziell in ideologisch geprägten Kommentaren inzwischen voll mit Manipulationen, Postfakten bzw. alternativen Fakten, Meinungsmache, Lügen, Selbstdarstellung. Andererseits würde es einem "hinter all den bunten Kulissen" trotzdem die Möglichkeiten bieten, Fakten konkret zu überprüfen, komplexe Betrachtungen in Nischen zu finden, Denkanregungen zu empfangen. Wiederum andererseits lehnt es im Mainstream aber zuviel "Aufwand" als unproduktiv und unzeitgemäß ab, denn dies würde die 2 Minuten Lesezeit der Konsumware Newsartikel bei weitem überschreiten. Selbst formulierte Argumente mit vielen Worten aka steinzeitliche Textwüste? Links und Videos sind besser.

Auch dazu habe ich manchmal den Eindruck, daß unser Besucher aus den 90ern die Stirn runzeln würde. Da haben diese seltsamen Zukunftsleute von 2017 das schnelle Internet mit allen Möglichkeiten der globalen Meinungsverbreitung, und was tun sie - Denkschemen und Meme-Kram aus dem Baukasten zusammenklicken, weil es sich "so gehört" und alles Nötige aussagen kann. Hey, da ist einer, der sagt, heute ist nicht alles besser? Viel nachdenken? Nö. Wart mal, da habe ich doch ein lustiges Video mit Höhlenmenschen und Keulen. Klickst du hier. Damit ist alles gesagt. Kurze Runde Applaus und 295 User fanden diesen Beitrag gut. Weiter so. Meh.

Auch das Schicksal von Webforen sehe ich immer wieder mit Schaudern. Mittlerweile scheint es mir fast so zu sein, daß ein Webforum, sobald es eine bestimmte Größe überschreitet, automatisch zu einem angepassten Fragment der medialen Popkultur wird. Und das Mantra heißt dann leider zu oft: "Bitte nicht negativ auffallen, es gibt doch genug vorgedachte und/oder harmlose Meinungen, um Forenspaß zu haben..." Dabei macht es keinerlei Unterschied, ob es sich um ein Forum zu angesagten und hippen Themen handelt, oder gar um eine einstmalige Nische, die nun vom Zeitgeist und/oder Kommerz glattgebügelt wurde. Sobald ein (deutsches?) Forum eine entsprechende Größe und Popularität erreicht hat, wird sich eine reguläre Kerngruppe aus wenigen Leuten herausbilden, die eine als korrekt geltende Meinung vorgeben. Es entsteht ein Konsens, für welche Arten von Akzeptanz und welche Arten von Ablehnung man dort gegenseitiges Schulterklopfen bekommt. Einmal mehr: was würde unser kritischer Besucher aus der Vergangenheit über Likes und Popularitätspunkte für Beiträge in einer "offenen" Onlinediskussion denken?

Gerade bei Forenmechanismen sollte man auch die Vorfilterung nicht außer Acht lassen. Die Gruppe, die über Meinungsbildungen vorabstimmt, hat sich dadurch etabiliert, daß sie sich einerseits technisch angepasst hat (ohne moderne Updates und Browser kein Forenzugriff) und andererseits dadurch, daß sie durch Dutzende Beiträge pro Tag in relativ kurzer Zeit nachgewiesen hat, ständig im Internet präsent zu sein, und korrekt digital zu leben. Denn oft bestimmen nicht mehr Klasse in Wort und Schrift und Ethik und Humanismus die herrschende "Oberschicht", sondern Masse und Präsenz. Und allein schon diese Vorfilterung und Belohnung für Standard schließt "Rebellen" und Querdenker (und damit IMO auch einen alternativen Lebensfunken jenseits des Mainstreams) doch mehr oder weniger automatisch aus - es sei denn, in kleinen und rückständigen Nischenforen, denen man daher eigentlich nur wünschen kann, niemals populär zu werden.

Was bleibt zum Thema Verrohung der Gesellschaft zu sagen? Da wird das Internet ja gerne als Gradmesser gesehen mit all den Beleidigungen, Hass, Mobbing, Kriminalität etc. Vielleicht ist all das bunte Zeugs doch nur eine Illusion von Fortschritt, solange der Mensch des Menschen Wolf bleibt? Das Gegenargument ist aber auch schnell da, und man wird mit einer solchen Meinung doch gerne auf all die "Ewig Gestrigen" verwiesen, die mit jeder Neuerung in der Welt ein Ende der Zivilisation kommen sahen - so z.B. durch Buchdruck, Sturz der Monarchie, die Comics, das Radio oder das Fernsehen. Wenn man sich heute über das Internet sorgt, und über all die Denkmuster und Anpassungen, die es in seiner gegenwärtigen Daseinsform in das Wesen der Menschen füttert, wird man doch gerne in eine Reihe mit all jenen Schwarzsehern gestellt und auf deren Scheitern verwiesen.

Aber funktioniert dieser Vergleich? Oder haben wir eine Stufe erreicht, in der eine Einflußnahme sehr viel subtiler und trotzdem sehr viel prägender geschieht, als es in der Vergangenheit jemals möglich war? Muß diese Einflußnahme automatisch zur Verrohung und zum Denken aus der (und durch die) Filterblase führen? Oder bleibt es den Menschen überlassen, was sie damit tun, und was am Ende daraus erwächst? Würden wir in einem schwierigen Umbruch gerade dafür die Querdenker brauchen, die heute so gerne "ausgefiltert" werden bzw. die sich mit der Zeit selbst so sehr anpassen, um weiter "dazu zu gehören", daß sie ihr Talent schon wieder verlieren?

Hoppla, ist doch länger geworden. Macht aber nix, ich werde mich ausnahmsweise mal nicht entschuldigen ;-).

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Klientel26.4.2017
Servus,

wobei du bei deiner 1996er Betrachtung auf keinen Fall vergessen solltest, WER 1996 im Internet unterwegs war und WER sich heute dort tummelt.
Damals war es halt eine relativ kleine, technikaffine Schicht und heute im Prinzip jeder.

Grüße Andi
Geschrieben von Anonymous

Untitled Comment27.4.2017
Richtig, das ist wohl der Hauptfehler in meiner Argumentation. Ich wollte es mir halt auch mal einfach machen ;-).
Geschrieben von Bruchbach

Der Diskurs!27.4.2017
Was das Diskutieren miteinander anbelangt, war die Menschheit meiner Meinung nach vor dem Internet auf einem höheren Niveau. Die durch das Netz sich auftuenden Filterblasen tragen dazu bei. Der Einzelne fühlt sich im Internet schnell von einer großen Masse umringt. Da reichen schon hundert, aber krieg die erstmal in der realen Welt wegen jedes Kleinkrams auf einem Platz zusammen!
Die meisten Menschen sind unfähig, damit umzugehen, jemand Anderem beim Reden nicht in die Augen schauen können. Oder die Reaktion im Gesicht des Gegenübers zu erfassen. Das zeigt sich in Kommentaren, wenn es mal wieder ausgeartet ist.
Selbst die Talkshows, die im Fernsehen gibt, waren was das Diskutieren betrifft, früher wesentlich freier. Lag auch am Sendeformat, dass es zum Beispiel keine Zeitbegrenzung gab, denn der Sendeschluss konnte warten. Heute muss der Moderator sofort eingreifen, wenn es ins Detail gehen soll. Keine Zeit mehr übrig. Und auch die Auswahl der Diskutierenden ist oftmals unfair, da es in größeren Runden gerne mal einen Komischen gibt, auf den sich alle Anderen wie die Geier auf ihr gefundenes Fressen stürzen dürfen. In den 80ern war das besser, da wurde noch fairer und offener mit Meinungsgegnern diskutiert. Das zeigen meiner Meinung nach die Aufnahmen vom "CLUB 2", einer ORF-Diskussionsrunde. Dann gibt's da zum Beispiel drei Menschen, die ein UFO gesehen haben, und drei, die wissenschaftlich über UFOs sprechen. Der Redeanteil ist ausgeglichen. Jeder darf seine Position vorstellen. Und der Zuschauer muss sich seine eigene Meinung darüber bilden.
Was können wir nun tun, um mal wieder mehr ins Gespräch zu kommen? Simpel gesagt: Biste ein Langhaariger, geh mal zu den Nazis hin, und frag mal, was bei denen Sache ist, und wieso und weshalb man so wird. Biste ein Glatziger, dann frag mal die Hippies, wo man zusammen arbeiten kann. Die Verbissenheit teilt uns Menschen und macht uns gehässig. Dürfte nicht gerade Positivste der Welt sein.
Menschen, kommt an einen Tisch, es gibt da so ein paar wichtige Dinge, die klären sich gemeinsam ein bisserl besser. Das Internet hat, so wie es sich entwickelt hat, durchaus negativ dazu beigetragen, dass nicht mehr so viel schön miteinander diskutiert wird. Wichtiger Punkt, die Vorfilterung und Verrohung anzusprechen. Gut gemacht.

< Bird >
Geschrieben von Anonymous

Untitled Comment28.4.2017
Woo-hoo, ich habe was gut gemacht :-).

Weil du das Thema UFOs erwähnst, daß ja auch zu meinen Interessen gehört: da kann man in einer deutschen Talkshow der Gegenwart (bzw. in dem speziellen Fall meist auch der Vergangenheit) wohl kaum eine ausgewogene Diskussion und Betrachtung erwarten. Für den aufgeklärten deutschen Bildungsbürger im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist sowas aus Prinzip esoterischer Unfug, für den Gaudigucker im Privatfernsehen seichte Mystery-Unterhaltung mit Scripted-Reality-Erwartungen.

Wie sieht eine deutsche Talkshow zu dem Thema aus? Einer der Gäste wird automatisch ein erzskeptischer GWUPler sein, der über alles nur amüsiert-mitleidig den Kopf schüttelt bzw. die Nase rümpft. Der zweite Gast wird ein Pro-UFO-Autor sein, der hauptsächlich "fest" daran glaubt, weil es sich auf seinem Bankkonto niederschlägt. Der dritte Gast ist ein schräger Esoteriker mit weißer Druidenkutte zum noch mehr amüsieren, so nach dem Motto "Ich bin eine reinkarnierte Seele von der Venus und spreche jeden Abend mit meinen UFO-Geistern.". Als vierten Gast dann vielleicht als Alibi einen sogar ausgewogenen Betrachter, der im Prinzip gute Fragen/Ansätze hätte, aber im Zeitmangel und der einseitigen Kabbelei von Nummer 1 - 3 untergeht.

In größeren Webforen wird es zu dem Thema wohl ähnlich zugehen, also einseitige Meinungsvorgabe durch Moderatoren/Regulars, oder eben eine auf Selbstdarstellung, kurze Beiträge und Kabbelei ausgelegte Diskussionskultur.
Geschrieben von Bruchbach

CLUB 229.4.2017
Lassen wir uns darum von der Vergangenheit inspirieren, denn damals gab es Leute, die haben's besser verstanden, zu diskutieren. Allerdings muss CLUB 2 in den Siebzigern und Achtzigern ebenfalls eine Ausnahme gewesen sein, denn Rudi Dutschke beschreibt in einer Runde von 1978, dass so offen und frei niemals hätte diskutiert werden können, wie es im CLUB 2 dann möglich war.
Ich beschreib das mal kurz, wer die sieben Menschen waren, die neben dem Moderator an der CLUB 2-Diskussionsrunde über UFOs teilnahmen. Drei von ihnen hatten UFOs gesehen und wissen ausführlich davon zu berichten. Darunter sind Walter Rizzi, der detailierte Zeichnungen der UFOs hat machen lassen, und die Sängerin Nina Hagen. Die ruhige Buchhändlerin Barbara Horacek ist etwas weniger aufbrausendend und sucht ebenfalls nach Antworten über ihre gesichteten UFOs.
Ein Journalist und Buchautor von astrologischen Büchern, Johannes von Buttlar, sitzt auch in der Runde. Er muss sich des Vorwurfs seitens der Wissenschaft erwehren, "Unwahrheiten" zu verbreiten. Ob er seine Bücher wohl verteidigen kann?
Für Wissenschaft treten an Willibald Riedler, Direktor des Institutes für Weltraumforschung, und Rudolf Henke vom Zentralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene. Sie meinen zu wissen, was die Leute da am Himmel gesehen haben. Es werden viele Beispiele genannt.
Vermittelnd in der Runde agiert die Psychologin Margitta Giera-Krapp, die uns allen erklären muss, dass jeder Mensch in einer eigenen Realität sitzt.
Diese ORF-Aufnahmen finden sich im Internet unter dem Namen "Ein Himmel voller Untertassen".
Chris, was meinst du zu den UFOs? Hast du schonmal eines gesehen?

< Bird >
Geschrieben von Anonymous

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