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Dark Side of the Mouse - Teil 217.10.2016
Wenden wir uns wieder mal einem Thema zu, mit dem ich mich hier schon beschäftigt hatte - der langlebigen Comicreihe "Lustige Taschenbücher" (LTB), die seit 1968 in Deutschland hauptsächlich italienische Geschichte aus den Disney-Universen von Donald Duck und Micky Maus veröffentlicht.


Nun sind diese Ausgaben immer auch Spiegel ihrer jeweiligen Zeit bzw. von Veränderungen des Zeitgeistes. So kommt es durchaus vor, daß ältere Ausgaben für eine erneute Veröffentlichung geändert und umgetextet werden. Auch der allgemeine Stil hat sich im Laufe der langen Jahre immer wieder gewandelt, was vielleicht speziell im Fall von Micky Maus besonders auffällt, der sich vom ernsthaften Detektiv (mit oft sogar relativ düsteren Geschichten) zur reinen Spaßfigur mit überdrehten Stories gewandelt hatte. Der "Fachbegriff" ist Kaschperl-Micky, und die Bruchbach-Folge "Oh Badger, Where Art Thou" nimmt hierauf direkten Bezug.


Das Thema Tod und auch die damit verwandte Gewalt ist bei Disney ja generell unerwünscht. Im Duck-Universum wagt man sich ganz selten heran, ein klein wenig vielleicht noch bei Carl Barks und Don Rosa. Wenn derartige Themen in den italienischen Geschichten vorkommen, wurden es zumindest in frühen Jahren in deutschen Ausgaben stets wegzensiert und retuschiert, siehe Geschichten wie "Der Gegenspieler". Die Micky-Geschichten waren da stets etwas aufgeschlossener.


Interessanterweise findet sich in Ausgabe 80 "Fantastische Geschichten mit Micky" von 1982 eine erstaunlich pessimistische und nachdenkliche Geschichte, die immer wieder Bezug auf Tod, Folter, Krieg und Vorurteile nimmt. Das ist ungewöhnlich, gerade für den "späten" Zeitraum. In der ersten Hälfte der 80er gab es einen qualitativen Durchhänger, und die Ausgaben waren in der Regel deutlich schlechter und fließbandartiger als noch 10 Jahre zuvor. Um so mehr überrascht mich immer die Geschichte mit dem doch recht generischen Titel "Ärger mit den Vorfahren" in oben genannter Ausgabe durch ihren weltkritischen Unterton.


Die Grundidee ist erst einmal sehr absurd. Mike und Goofy reisen unbeabsichtigt durch die Zeit, und zwar mit Hilfe eines fliegenden, magischen Baumes, dessen Samen Goofy auf seinem Dachboden gefunden hat (ein Standardplotmuster). Das ist noch einige Jahre vor dem Plotbogen, der Micky und Goofy den Zugang zur Zeitmaschine im Museumskeller, und damit zu ständigen Zeitreisen ermöglicht. Was an der 1982er Geschichte auffällt, ist wie gesagt der ziemlich negative Unterton. An jeden Ort, an den Micky und Goofy kommen, werden sie mit Ablehnung begrüßt.


Hier ein paar exemplarische Auszüge.


Nachdem es in der Steinzeit schon Kloppe mit der Keule gab, landen sie im Zweistromland, wo Micky erstmal den klassischen Oberlehrer gibt.



Nachdem wir noch lernen, daß die Farben der Zikkurat für die Himmelskörper stehen, werden die beiden auf der obersten Stufe vom Hohepriester freundlich empfangen.



Nach einem Zwischenstop bei Dädalus und Ikarus (auch hier wird der tödliche Sturz von Ikarus in die Tiefe kurz gestreift) landen sie auf einer römischen Galeere im Krieg gegen Karthago.



Hier muß dem Übersetzer die Zeile bzw. Sprechblase verrutscht sein, denn der Ruf "Tod den Römern" kommt aus dem Schiff mit der SPQR-Flagge. Naja, vielleicht ist es ja ein unzufriedener Galeerensklave ;-).


Bei den Karthagern sollen Micky und Goofy als Kriegsgefangene in einem Fass ersäuft werden, und auch die Hunnen haben begeisterte Vorschläge.



Im nächsten Abschnitt der Reise wird die italienische Natur der Geschichten wieder deutlich, denn sie landen im Konflikt zwischen den beiden Städten Pisa und Lucca, und werden zum Tod im Hungerturm verurteilt, weil sie Fremde sind.



"Wo man hinkommt, überfall führen sie Krieg", "Die Menschen werden wohl niemals klüger" stellen beide fest, als die Armee von Pisa gegen Lucca in den Krieg zieht. Und kurz darauf noch einmal im Wilden Westen...



Das Ende vom Lied ist, daß sie endlich wieder daheim in Entenhausen ankommen (oder in Mausstadt bzw. Topolinopoli im Original) und sich endlich von den Strapazen erholen möchte. Nur leider zeigt der Spaziergang durch die Stadt nur wieder, daß Rücksichtslosigkeit und Verbrechen auch hier präsent sind. Was Micky am Ende zu einer zeitlosen Erkenntnis kommen läßt, die so gar nicht zum Lustigen Taschenbuch passt.



Wie sieht es in aktuellen Ausgaben aus? Gibt es dort ähnliche Geschichten?

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Untitled Comment17.10.2016
In Sachen Maus kenne ich mich bei Disney-Comics nicht so aus, ich war da immer eher auf die Enten fixiert. Micky ist mir, wie du es nennst, einfach zu oberlehrerhaft und zu perfekt.

Bezüglich des Geschichtsbildes im Comic -- wenn man ein Geschichtsbuch liest, bekommt man in der Tat leicht den Eindruck, die Weltgeschichte habe zu 90% aus Metzeleien bestanden. Ich denke jedoch, das hier ein Auswahl- bzw. Wahrnehmungeffekt vorliegt, da Kriege eben nun mal markante historische "Wegmarken" sind, die meist in großer Ausführlichkeit beschrieben werden; hierbei ignoriert man jedoch leicht, dass dazwischen immer wieder längere Friedensepochen lagen. Würde man zufällig an irgendeinen Ort auf der Erde, zu irgendeiner Zeit innerhalb der letzten 10.000 Jahre teleportiert werden, wäre die Wahrscheinlichkeit, eine friedliche Epoche anzutreffen, möglicherweise sogar höher (das ist allerdings nur eine Vermutung von mir, ein Historiker könnte es wohl präziser beurteilen).

Es gibt vermutlich verhaltensbiologische Ursachen für Kriege und Wir/Sie-Denken, aber eben auch für das Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit. Kriege sind materiell und logistisch aufwändig, daher ist es rein ökonomisch unmöglich, pausenlos zu kämpfen, ohne dazwischenliegende längere Wiederaufbau- und Ruhephasen.
Geschrieben von Anonymous

Untitled Comment17.10.2016
achja:
-- von Fabian

(aber das merkt man vermutlich schon am Schreibstil ;) )
Geschrieben von Anonymous

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