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Ein Blog mit kritischen Texten zum digitalen und polierten Zeitgeist des 21. Jahrhunderts, zum persönlichen Leben im 20. Jahrhundert als Aspekt der privaten Individualität und Denkanregungen dazu, warum auch sogenannte "alte", analoge und imperfekte Dinge ihren Reiz haben. Warnung: das Blog kann blasphemischen Mangel an Respekt für die überlegene "Großartigkeit" der Moderne enthalten. RSS-Feed: http://www.simpleblog.org/rss.php?u=Bruchbach

Toy Story 197723.8.2016
Weil ich gerade Zugriff auf einen Scanner habe, hier mal ein kleiner Beitrag, den ich schon lange machen wollte. Es ist ein etwas ungewöhnlicher Beitrag, aber ich kann ja nicht nur noch Geschreibsel und ewig gleiche Screenshots von meinen Rechnern bloggen. And now for something completely different...

Ich habe ja viele alte Comics aus den 70er Jahren herumliegen, die auch immer als Spiegel jener Zeit zu betrachten sind. Das zeigt sich in vielerlei Aspekten, z.B. auch in den Leseranzeigen. Besonders interessant sind hierbei aber auch Anzeigen und Werbung für die junge Zielgruppe jener Tage.

Exemplarisch habe ich mir mal ein paar klassische Fix&Foxi-Ausgaben aus den Jahren 1977 und 1978 rausgesucht, in denen besonders viele Spielzeug-Anzeigen vorkommen. Was können uns diese Anzeigen über ihre Zeit sagen?



Die 70er Jahre waren natürlich die Zeit der maskulinen Spielsachen mit toughen Actionmännern und ihren Gadgets. Obiger Bob Power ist dafür ein gutes Beispiel Mit Super Tornado, Action Radar und Blitz Pack mit Blitzstrahler. Klingt alles mächtig gefährlich, im Endeffekt dürfte aber nicht viel dahinter stecken. Aber zumindest kann er seine Ausrüstung für wahre Abenteuer und für den männlichen Kampf mit der Natur einsetzen.



Etwas problematischer erscheint mir da schon jene Anzeige zum "Mondbasis Adventure 2000" von Matchbox. Ja, das Wort "2000" klang noch futuristisch. Allerdings wirkt der martialische Ton in den Beschreibungen der Fahrzeuge doch irritierend. Der Jagd-Commander hat eine abschußbereite Rakete auf dem Dach. Der Felsbrecher mit Radargerät hat ebenfalls eine Abschußrampe. Der fliegende Jäger und Aufklärer zeigt uns zwei Geschützrohre. Und wem das alles zu pazifistisch ist, für den gibt es rechts natürlich noch den Kämpfer mit drehbarem Doppelgeschützturm. Auch die drei Spielfiguren haben ihre Waffen gezogen. Das ist der kalte Krieg auf dem Mond.



Wie uns dieser Ausschnitt aus einer Anzeige für ein elektronisches "Laserkampf"-Brettspiel zeigt, war auch dort der Krieg der Vater aller Dinge. Da konnte der Junior seinem alten Herrn als Feind noch richtig eine vor den Bug knallen.



Eine verkleinerte DINA4-Seite zu einer ganzen Familie von hypermaskulinen Actionmännern. Big Jim, Big Jeff, Big Jack, Big Josh und Dr. Steel (bei dem scheint es für das "Big" nicht gereicht zu haben, aber dafür hat er an der Kung-Fu-Akademie promoviert). Die können Karate schlagen, Bizeps anschwellen lassen und ein Muskelband sprengen. Außerdem sind es fünf spärlich bekleidete Herren, die zusammen in einer alternativen Community im Wald wohnen und mit ihrer Festhaltehand so richtig zugreifen können, wie uns die Skizze zeigt.

Also wirklich. Kann nicht mal einmal jemand auch nur für eine Sekunde an die Kinder denken? ;-)



Hier noch was ganz ohne Spielzeug, aber mit gesunder Ernährung. Es kommt ja bisweilen vor, daß sich irgendwelche Werbemaskottchen mit den Hauptdarstellern eines Comics zusammenfinden. Das ist dann meist irgendeine Anbiederung an den Werbekunden, bei der Maskottchen und Produkt gelobt werden. Daher finde ich das Beispiel hier aus dem Jahr 1977 immer ganz amüsant, weil Lupo dem Werbetony einfach mal so eine reinhaut. Vielleicht will uns das alles ja die Kraft und den Elan zeigen, die Frosties verleihen. Vielleicht mag Lupo aber auch einfach keine Instrumentalisierung für Werbung ;-).

Was sagen uns all diese Anzeigen über ihre Zeit aus? War es eine bessere Zeit, weil Spielzeug noch nicht in der augmented reality und ihrem Updatezwang existierte, und man sich nicht nur vernetzt mit anderen im Wettbewerb messen konnte? Weil die Fantasie und das "Begreifen" im Wortsinn noch mehr gefordert war und auch der Blitzstrahler von Bob Power doch nicht ganz hielt, was die Werbung versprach? Oder war es eine schlechtere Zeit, weil das Thema maskulines Rollendenken und Krieg auch die Spielzeugwelt sehr stark durchdrang? Und sind wir heutzutage wirklich weiter, oder sind die selben Themen noch immer präsent und haben nur ihr technisches Erscheinungsbild verschoben?

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Werbung tötet...23.8.2016
Die alten Herren der Generation 60+ kann man mit solchen Werbeanzeigen nicht begeistern. Stattdessen würden sie sich an Zeiten erinnern, als dieser ganze Plastikkram noch nicht von Nöten war und noch richtig viel draußen gespielt wurde.
Bedenkt man, wie viel Geld heutzutage in Kinderspielzeug investiert wird... in so einer heutigen Kindheit steckt schon verdammt viel Geld drin. Die Kindheit ist praktisch vom Geld umschwommen. Es nimmt dem Ganzen doch die Unbeschwertheit weg, wenn's nur noch ums mehr haben wollen geht. Dinge, die kein Geld verlangen, treten leider in den Hintergrund, was letztlich geistig ärmer macht. Auf 'nen Baum klettern kostet nichts. Sich vorzustellen, man sei ein Formel-1-Rennfahrer, indem man mit seinem Fahrrad Kurven am Limit durchfährt, bedarf nur dem sinnvollen Gegenstand eines Fahrrads und 'ner Menge Vorstellungskraft. Ein Flachtelefon hält ein Jahr und kostet 100 Euro oder so. Dann hast du Flappy Bird, was deiner Fantasie bestimmt richtig einheizt...
Beim Updatezwang ist mit den Kids etwas ganz Perfides passiert: Das Auto-Update ist ihnen praktisch hardcoded im Gehrin eingepflanzt worden. Und zwar genau durch solche Werbeanzeigen, heute genauso wie in den 70er-Jahren. Immer die neusten Sachen haben, das ist "cool" und kommt richtig an. Kinder mögen zwar fantasievolle Wesen sein, aber geistig müssen sie sich noch aufleveln, um schlaue Entscheidungen zu treffen, welche Dinge nötig sind und welche nicht.

< Bird >
Geschrieben von Anonymous

Untitled Comment30.9.2016
Der steigende Wohlstand in den westlichen Staaten nach dem 2. Weltkrieg führte dazu, dass Unternehmen auch Kinder (bzw. den Geldbeutel ihrer Eltern) als Produktzielgruppe und Profitquelle entdeckten; daher ist es nicht verblüffend, dass eine ungeheure Flut an technisch immer ausgefeilteren Spielsachen auf den Markt geworfen wurde. Dabei entstand eine enge Verquickung von Unterhaltungs- und Spielsachen- (und in den letzten Jahrzehnten auch Videospiel-) -Industrie. Heutzutage werden entsprechende Produktlinien multimedial geplant: Die Kinofilmreihe "Galactic Teenage Laser Warriors" 1 bis 4, dazu TV-Serien, Videospiele und Actionfiguren und Comics und Werbeverträge mit Frühstücksflockenherstellen und und und... es geht um Milliarden von Dollar. Seit den 1970ern ist die Branche exponentiell gewachsen. Die Unterhaltungsindustrie bewegt sich weltweit in der gleichen Finanzgrößenordnung wie der militärisch-industrielle Komplex: ca. 2 Billionen US$/Jahr.

An den Grundthemen amerikanischer/westlicher Unterhaltung (immer noch am umsatzstärksten, Platz 2 hält die japanische) hat sich seit den Tagen von Big Jim & Friends wenig geändert: Athletisch gebaute Helden, die mit futuristischen Apparaten irgendwelche Bösewichter bekämpfen. Dabei wurde dieses Thema im Laufe der Zeit variiert und kommt im 21. Jahrhundert "emanzipierter" daher: Neben Indiana Jones steht nun Lara Croft, zu Luke Skywalker gesellt sich Rey. Auch die Bond-Girls wandelten sich von "zu rettenden Prinzesschen" zu toughen Kämpferinnen.

Der Feminismus-Touch der amerikanischen Unterhaltungskultur kann dabei nicht über das ideologische Grundproblem (das sich kulturell aus dem amerikanischen Puritanismus herleitet) hinwegtäuschen: Klare Trennung der Welt in Gut und Böse, der einsame Held, der die nichtsahnende, stumpfe Masse vor finsteren kosmischen Mächten zu retten hat, Abwendung der Apokalypse durch Waffengewalt und Vernichtung des Gegners.

Da finde ich im Vergleich die japanische Unterhaltungskultur -- die Animes -- angenehmer und menschlicher. Auch sie beruhen zwar oft auf kämpferischen Konflikten (die sogar nicht selten blutdürstiger ausgetragen werden als in amerikanischen Produktionen), aber die Trennung Gut/Böse ist nicht absolut. Die Bösewichter haben nachvollziehbare Ziele, man kann sich ein Stück in sie hineinversetzen, und zuweilen wechseln sie auf die Seite der Protagonisten. Letztere sind keine "einsamen Übermenschen", sondern haben Freunde, Familie, menschliche Regungen. Konfuzianismus statt Puritanismus.

Um auf das Ausgangsthema "Vermarktung von Spielzeug" zurückzukommen: Dass Konzerne Kinder als schier unbegrenzt anzapfbare Geldquelle entdeckt haben, ist ebenso logisch wie fragwürdig. IMO sollte man Kinder zwar nicht von der modernen Welt abschotten -- und es gibt überzeugende Untersuchungen, dass Kontakt mit digitalen Medien Kinder weder dumm noch psychisch krank macht -- aber der radikalen Vermarktung des Kinderzimmers sollte man entgegenwirken. Mit Fahrrad, Teddybär und vielen Büchern wächst ein Kind ganz sicher besser auf als mit Tausenden von "Ultra Lightning Fighter Hyper Warrior" Actionfiguren. Auch ein Computer ist im Kinderzimmer nicht fehl am Platze, aber vielleicht eher ein "standalone"-mäßiger, d.h. ohne Internetzugriff. Das Internet scheint mir für kleinere Kinder (d.h. unter 12) kein so geeigneter Tummelplatz (oder bin ich da zu konservativ??). Ich selbst habe mit 9 auf einem Atari ST programmieren gelernt. Mein -- bislang völlig hypothetisches ;) -- Kind würde vielleicht so einen Rechner bekommen, oder einen alten Amiga oder einen 386er IBM-Kompatiblen oder so. Programmieren Lernen ist eine tolle Sache, es gibt kaum etwas, das die abstrakte Vorstellungsfähigkeit derart schult. Das kaleidoskopische Gewirbel von Millionen multimedialer Inhalte des Internet (darunter ca. 80% solche, von denen Kinder ferngehalten werden sollten) scheint mir dagegen eher ungünstig...

-- Fabian
Geschrieben von Anonymous

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