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Dark Side of the Mouse14.11.2013

Nach den beiden langen Textbeiträgen nun wieder ein Beitrag mit vielen Bildern. Wir bleiben im weiteren Sinn im Bereich Comics, gehen allerdings ca. 38 Jahre zurück.


Wie schon vorher in Beiträgen geschrieben, konnten die in Deutschland seit 1967 veröffentlichten LTBs mit Duck- und Maus-Geschichten aus italienischer Fließbandproduktion qualitativ niemals wirklich mit den Vorbildern aus den USA mithalten. Zio Paperone ist sicherlich kein Scrooge McDuck wie bei Barks oder Rosa, und Topolino und Pippo sind sicherlich nicht Micky Maus und Goofy wie in den amerikanischen Abenteuerstrips von Paul Murry. Und trotzdem sind gerade hier die italienischen Maus-Geschichten vom Stil her doch immer etwas gelungener bzw. näher an den Originalen, als viele der arg platten Duck-Stories aus südeuropäischer Produktion.


Was einem bei einigen der Topolino-Stories auffällt, ist vor allem ein relativ grimmiger Unterton, mit dem sich die Italiener doch deutlich vom braven Disney-Stil entfernen. Darüber hinaus waren Maus-Stories in der deutschen Veröffentlichung immer weitaus unzensierter und unretuschierter, als Duck-Stories. Bei den Enten wurde gerade am Anfang massiv retuschiert und umgezeichnet, um die deutsche Jugend zu schützen - Waffen wurden entfernt (Charaktere "drohten" also mit leeren Händen) oder in harmlose Gegenständeumgezeichnet, ganze Panele wurden entfernt oder umgezeichnet.


Wer dafür mal ein ausgeprägtes Beispiel sehen will, soll hier gucken (die komplette Ausgabe 16 ist auffallend stark zensiert und retuschiert, nicht nur diese einzelne Geschichte):


http://www.lustige-taschenbuecher.de/zensur_16_gegenspieler.php


Aber zurück zum Maus- bzw. Topolino-Universum: dort waren Waffen und Andeutungen von Gewalt, Kriminalität und Tod schon immer etwas ausgeprägter. Als eine eventuell besonders "grimmige" und weltkritische (und politisch heute auch nicht mehr ganz korrekte) Ausgabe ist hier vielleicht besonders die Nr. 34 "Supermicky" vom 01.05.1975 zu betrachten, die ich im originalen Erstdruck besitze - Preis damals übrigens 4,00 DM, Preis für aktuelle Ausgaben EUR 5,50.


Sehen wir uns doch mal einige Seiten an, was für Leser aktueller Ausgaben vielleicht überraschend sein mag. Oder begeben sich aktuelle Maus-Geschichten auch in solche Themenbereiche?




Bereits in der ersten Story verschlägt es Topolino und Pippo...pardon...Micky und Goofy auf der Spur eines Waffenschmuggels in ein orientalisches Land, in dem die Waffen für einen Staatsstreich verwendet werden sollen. Nachdem die beiden einer Exekution mit Maschinengewehren lebend entkommen können, greifen auch schon die fiesen Rebellen an - angeführt von einem Zottelbart, der auch leicht als Bolschewik oder Anarchist durchgehen würde. Die Texte und Szenen machen doch recht deutlich, daß es hier etwas rabiater zugeht. Tod den Verrätern. Tod den Rebellen. Wirklich zu Schaden kommt aber dann doch niemand, wir sind ja bei Onkel Disney in Lizenz.

In der Rahmenhandlung zwischen Geschichte 1 und 2 geht es dann gleich unfreundlich weiter, Micky und Goofy haben mit der Wahl Ihres Heimfluges kein Glück. Ein orientalisch aussehender Herr mit Fez hat andere Pläne (und auch der gute Goofy gerät in ernsthafte Schwierigkeiten, siehe Bild unten):







Nachdem auch dieses Problem gelöst ist, stolpern die beiden in den nächsten Waffenschmuggel und einen weiteren Betrugsfall, die wir mal inhaltlich übergehen. Interessant wird es wieder in der nächsten Geschichte, in der Micky von einer Reise zurückkommt, und feststellt, daß sich in Entenhausen (wie die deutsche Übersetzung die Maus-Stadt Topolinopoli des Originals einfach nennt) während seiner Abwesenheit eine sehr seltsame Form von Gleichschaltung und Konformismus breitgemacht  hat. Nachdem Micky festgestellt hat, daß alle die gleiche Kleidung tragen, fährt er fort:



Nach kurzem Aufenthalt in der Stadt entdeckt er an sich selbst ungewohntes Konsumverhalten und stellt sich dann nachfolgende, selbstreflektive Frage (das Bild habe ich auch schon als Kommentar zum Kaschperl-Micky der späteren Jahre gesehen):



Natürlich stecken das Großkapital und finstere Mächte hinter der ganzen Sache, die Menschen mit hypnotischen Botschaften in den Massenmedien und per Fernsehen, Radio, Telefon und Werbung zu Käufen und Anpassung verleiten - u.A. zum Kauf einer schrecklichen Eiskrem. Nur einer ist wegen seines gelebten Nonkonformius immun gegen die Sache:



Auf Mickys Einwand hin, daß sich Goofy doch nicht einfach von allen etablierten Informationsströmen abkapseln kann, antwortet ihm dieser:



Wie Micky dann noch zum Unikum Goofy feststellt: "Der schert sich nicht die Bohne um das, was andere tun. Ja, der macht´s richtig..." Die bösen Jungs holen sich dann Goofy zwar doch noch, in dem sie sein Haus gratis an die medialen Leitungen anschließen, aber Micky löst den Fall. Wobei auch das wieder dezent schief geht, denn in einem Anflug von Größenwahn will er über die Manipulation dann erreichen, daß die Welt für einige Zeit einfach ohne Medienberieselung und quasi "still" ist. Leider fällt dann der restliche Lärm der Zivilisation aber umso mehr auf, was ihn resignierend feststellen lässt:



Und auch die letzte (wenn auch zu schräge) Geschichte befasst sich nochmal mit dem Thema Medien und Manipulation, nachdem gefälschte Nachrichten und Meldungen zu Chaos und Panik führen. Die ganze "Diskussion" wird wohlgemerkt im Jahr 1975 geführt:



Dies nur mal als ein paar Einblicke in ein klassisches LTB aus der Mitte der 70er. Da versteht man dann doch wieder, warum sich Leute (und Langzeitleser) dann später über den platten Humor in den Kaschperl-Micky-Stories sehr geärgert haben. Ich halte die erste Hälfte der 70er auf jeden Fall für mit die beste Phase der LTBs, zusammen mit den späten 80ern.

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Untitled Comment19.11.2013
Danke für diesen interessanten Beitrag. Die von Dir geschilderten Umstände (insbesondere die Zensur) waren mir bis jetzt gänzlich unbekannt.

Gerry
Geschrieben von Anonymous

Untitled Comment20.11.2013
Das mit der Zensur hat in den LTBs oft wirklich seltsame Formen angenommen, die Liste auf der Webseite ist auch nicht vollständig. Mir würden da sicher noch ein paar Ausgaben und Geschichten einfallen.

Eine lustige Zensur findet sich auch in LTB-Ausgabe 16 noch in dieser Geschichte hier, da werden auf den ersten beiden zensierten Seiten 2 Waffen einfach zu einem wasserspritzenden Gartenschlauch umgezeichnet. Da muß man erstmal drauf kommen ;-):

http://www.lustige-taschenbuecher.de/zensur_16_kalumet.php

Aber wie gesagt, diese Waffenzensur betraf immer nur die Duck-Stories. Bei Micky durfte mit Waffen rumhantiert und sogar geschossen werden.
Geschrieben von Bruchbach

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